Wenn die Musikanten aufspielen und sich die Menge im Rhythmus bewegt, erwacht die alpenländische und gesamt-bayerische Tanz-Musik-Kultur wieder zum Leben – und damit ein wichtiger Teil heimische Tradition.

Der Kocherlball am Chinesischen Turm im Englischen Garten in Muenchen
Foto ©Bayern.by-Gert Krautbauer

München im Morgengrauen. Über dem Chinesischen Turm im Englischen Garten geht die Sonne auf. Langsam füllt sich der Platz in dem Biergarten: Jung und Alt, Einheimische, Zugereiste und Gäste aus aller Welt setzen sich an die großen Tische und packen ihre mitgebrachte Brotzeit aus. Die Atmosphäre ist zünftig, bayerisch, einzigartig: Viele führen ihre Dirndl und Lederhosen aus. Vorne auf der Bühne steht Katharina Mayer und atmet tief durch. Gleich spielen die Musikanten auf. Das ist ihr Einsatz: Mit den ersten Klängen beginnt sie sich zu drehen, zu wiegen, mit der Blasmusik zu verschmelzen. Als Tanzmeisterin tanzt sie den Menschen vor, lädt sie zum mitzumachen beim Kocherlball ein. Und immer mehr Besucher folgen ihrer Aufforderung und wirbeln mit – bei Bayerns größter und beliebtester Freiluft-Tanzveranstaltung.

Der Bayerische Tanz hat im Freistaat eine lange Tradition. Auf Dorffesten im Bierzelt, bei Hochzeiten, Geburtstagen oder offiziellen Festen wie Maitänze, zur Kirchweih oder zu „Kathrein“: Überall nutzen die Menschen die Gelegenheit, um im Takt der Live-Musik miteinander über den Tanzboden zu wirbeln. Sie tanzen Figurentänze mit unterschiedlicher Abfolge wie bei der Sternpolka oder Rundtänze, bei denen es keine bestimmten Figuren gibt wie beim Walzer und beim Zwiefachen.

Dabei mischt sich alles zusammen: Kleidungsstile, Generationen, Gesellschaftsschichten, unterschiedliche Kulturen. Da tanzt der Anwalt mit dem Bauern, der Gast mit dem Ur-Münchner. Ein großer Spaß, bei dem es nicht darum geht, eine Show zu bieten: „Beim bayrischen Tanzen geht es um den gemeinsamen Genuss an geschmeidiger Bewegung in der Musik. Einfach mit den mitreißenden Klängen der Life-Musik verschmelzen – das ist wunderbar“, schwärmt Katharina Mayer.

Genau das macht für sie den großen Reiz an der Tanzkultur des Freistaats aus: Jeder, der gehen kann, kann auch mitmachen. Einmal zuschauen und selbst loslegen: „Der bayerische Tanz ist ein sehr einfacher Partnertanz. Die melodische Musik führt und begleitet die Bewegung von Körper und Füßen. Beispielsweise dreht der Herr die Dame, beide wiegen sich, oder sie tanzen im Wechselschritt ‚auseinand‘ und wieder ‚zam‘. Dabei kann man gegenüber, hintereinander, voreinander stehen oder wandert auf dem Tanzboden umeinander herum.“

Kocherlball in München: Der Biergarten wird zum Tanzboden

Die alpenländische Tanz-Musik-Kultur des vergangenen Jahrhunderts ist ein wichtiges Stück bayerischer Traditionen und bis heute gelebte Identität. So hat auch der berühmte Kocherlball in München seinen Ursprung im 19. Jahrhundert (um 1880). „Kocherl“ – so werden damals die Köchinnen genannt: Jeden Sonntag im Sommer verabreden sich bis zu 5.000 Hausangestellte inoffiziell im Englischen Garten. In aller Herrgottsfrüh von fünf bis acht Uhr vergnügen sich Köchinnen, Laufburschen, Kindermädchen und Hausdiener beim Bayerischen Tanz, bevor sie wieder ihren Dienst bei den höheren Herrschaften antreten müssen. Bis die Kirche die Veranstaltung im Jahr 1904 aus „Mangel an Sittlichkeit“ verbietet.

Lange Zeit verstauben die überlieferten Tänze und Musikstücke in den Archiven. Katharina Mayer erklärt: „Die bayerische Tradition ist stark mit der christlichen Kultur verbunden. Deshalb wurde das Tanzen durch die Kirchentradition reglementiert und domestiziert. Das hat dem bayerischen Tanz lange ein biederes und altbackenes Image eingebracht. Er ist eingeschlafen und ging fast verloren“, erzählt sie.

Auch der Kocherlball wird erst 1989 – zum zweihundertjährigen Bestehen des Englischen Gartens – wieder zum Leben erweckt. Seither kommen jedes Jahr Menschen aus den verschiedensten Ecken Bayerns und der Welt zusammen, um an einem Sonntag im Juli unter dem Chinesischen Turm miteinander zu tanzen. Bei starkem Regen findet der Ball eine Woche später statt.

Auf der Suche nach ursprünglichen bayerischen Volksweisen und Tänzen

Die Menschen haben die alpenländische und gesamt-bayerische Festkultur wieder für sich entdeckt. Und mit ihr die alten Tänze und die überlieferte Musik. Bayern tanzt leidenschaftlich – die junge Generation genauso, wie die alte. Auf dem Land wie auch in der Stadt treffen sich die Menschen auf Tanzböden.

Für Katharina Mayer ist das auch der beharrlichen Arbeit ihres Vaters Wolfgang A. Mayer zu verdanken: Der ehemalige Volksmusikforscher und -pfleger am „Institut für Volkskunde” der „Akademie der Wissenschaften“ in München hat sein Leben den traditionellen bayerischen Liedern, Tänzen und Musikstücken gewidmet. „Wie ein Schatzsucher machte er sich in den vergangenen 50 Jahren im gesamten bayerischsprachigen Raum auf die Suche. In den Dörfern zeichnete er überlieferte Musik, Lieder und Tänze auf. Dabei war er immer zu Fuß unterwegs, ganz nah an den Menschen“, erzählt Katharina Mayer. Doch ihr Vater bleibt nie nur bei der Feldforschung: Leidenschaftlich verbreitet er die ursprünglichen Tänze weiter und unterrichtet sie mit viel Geschick.

Begeistert für den Bayerischen Tanz hat ihn seine Frau. Sie begleitet ihn auf Feldforschungen und Lehrgängen. Auf Festen im Freistaat leitet sie andere zum Tanzen an – sogar hochschwanger mit Katharina Mayer im Bauch. „Der Bayerische Tanz wurde mir also im wahrsten Sinne des Wortes in die Wiege gelegt“, sagt die heute 40-Jährige und lacht: „Tanzen ist für mich wie eine Muttersprache“.

Bayerischer Tanz: Jeder ist willkommen

Eine Sprache, die Katharina Mayer selbst begeistert weitergibt – als Tanzmeisterin bei Hochzeiten, privaten Festen, Firmenveranstaltungen, Tänzen in Wirtshäusern oder Events wie dem Kocherlball. Sie hat sich der Aufgabe verschrieben, den Menschen die Freude am Volkstanz zu vermitteln. Dabei mag die aufgeweckte Frau den Begriff „Volkstanz“ nicht: „Alle, die sich in der volkskulturellen Szene engagieren, sprechen lieber vom bayerischen oder alpenländischen Tanz“, erklärt sie. Dieser Begriff drückt besser aus, was sie darunter versteht – nämlich eine bayerische Tanzkultur, die jeden dazu einlädt, mitzutanzen. „Egal, ob Einheimischer, Zugereister oder Gast: Alle sind willkommen. Bayerischer Tanz kennt keine Grenzen“, sagt Katharina Mayer bestimmt.

Und sie könnte noch viel mehr erzählen über die vielen traditionellen bayerischen Tänze mit ihren schwungvollen Schritten und schönen Figuren. Am liebsten legt sie mit den Menschen zusammen aber einfach los – und tanzt. Zum Beispiel bei kostenlosen Tanzstunden. Die bietet das Münchner Kulturreferat jedes Jahr vor dem Kocherlball an. Zu Live-Musik können Einsteiger, Fortgeschrittene und alle Interessierten die Schritte mit ihr üben.

Einfach hingehen, mitmachen – und beim Gehen, Drehen, Klatschen, Stampfen und Springen ein vergnügliches Stück bayerischer Tradition erleben und weiterleben.

Persönliche Tipps von Katharina Mayer:

Viele Veranstaltungen listet Katharina Mayer auf ihrer Homepage www.tanzart.eu auf. Auf https://www.muenchen.de/rathaus/Stadtverwaltung/Kulturreferat/Volkskultur.html finden Interessierte alle Termine, die das Kulturreferat München veranstaltet. Und einen allgemeinen Kalender für Tanzveranstaltungen in Bayern gibt`s auf www.volxmusik.de.

Bildquelle: Der Kocherlball am Chinesischen Turm im Englischen Garten in Muenchen © www.bayern.by – Gert Krautbauer
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